Wenn sich niemand auf eine Stellenanzeige meldet ...

Düsseldorf, 24.08.2022. Die Klimapfade 2030/2045 entwickeln sich für die Immobilienunternehmen zu einem Hindernisrennen. Dabei ist ein dicker Brocken auf dem Weg zu selten ein Thema: der Fachkräftemangel.

In ihm sehen laut „HR Monitor“ des EBZ schon heute 55 Prozent der Immobilienunternehmen ein Investitionshemmnis für ihr Kerngeschäft.

Der „Human Resources Monitor Wohnungs- und Immobilienwirtschaft 2022“ (kurz HR Monitor) wird seit 2007 im Zwei-Jahres-Abstand im Auftrag des EBZ durchgeführt. Der jüngsten Ausgabe zufolge sehen 80 Prozent der befragten Unternehmen im Klimaschutz ein zentrales Thema für die Immobilienwirtschaft. Gleichzeitig halten mehr als die Hälfte der Unternehmen den Fachkräftemangel für ein Klimaschutzhemmnis. Und schon heute haben 84 Prozent der Immobilienunternehmen bei der Rekrutierung von technischen Fachkräften, sogar 88 Prozent bei der Rekrutierung von technischen Führungskräften Schwierigkeiten.
Diese Daten fügen sich ins Gesamtbild. Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland gingen in den letzten Jahren mehr Menschen in Rente als in die Berufsausbildung. Die Folge: Es gab pro Jahr rund 400.000 Erwerbstätige weniger. Dies führt sich fort, und bis 2030 verliert unser Land rund sieben Prozent seiner Erwerbsbevölkerung – fast vier Millionen Menschen. In NRW werden zudem 2025 die letzten Schüler mit der auf acht Jahre verkürzten Gymnasialzeit G8 ihr Abitur machen; 2027 folgt der erste G9-Jahrgang. Das heißt: 2026 gibt es in NRW keinen Abiturjahrgang. All diese Daten weisen darauf hin, dass der sich vertiefende Arbeitskräftemangel in wenigen Jahren dramatische Wirkungen entfalten kann.

Gesellschaftliche und politische Ereignisse – Folgen für die Immobilienwirtschaft
Die Rahmenbedingungen unternehmerischen Wirkens sind derzeit massiv im Umbruch. Eben herrschte noch die Corona-Pandemie, nun hinterfragt der Ukraine-Krieg unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebensgewissheiten. Der deutsche Energiemix muss Richtung Sicherheit und Unabhängigkeit neu ausgerichtet werden; Erneuerbare Energien sollen viel schneller ausgebaut werden. Die Branche ächzt derzeit unter Baukostenexplosion, Zinswende, Lieferkettenproblemen und Materialengpässen, explodierenden Energiekosten u.v.m. All dies birgt für die Zukunftsaufgabe, den Gebäudesektor klimagerecht umzubauen, großes Konfliktpotenzial. Diese Zukunftsaufgabe hat technisch und ökonomisch riesige Ausmaße – und verlangt nach immer besser und umfänglicher qualifizierten Fach- und Führungskräften.
Der leer gefegte Arbeitsmarkt wird sie nicht herbeischaffen. Zuwanderung wird kurz- und mittelfristig wenig helfen: Dazu sind die beruflichen Anforderungen in rechtlicher, technischer, kaufmännischer und kommunikativer Hinsicht zu hoch, vor allem für Menschen, die erst die Sprachbarriere überwinden müssen. Der Blick muss sich daher auf die eigenen Belegschaften und Potenzialträger sowie den jungen Nachwuchs richten.

Chancen liegen in Weiterentwicklung der bestehenden Mitarbeiterschaft
Nahezu alle Rollen im Unternehmen benötigen eine Hochskalierung ihrer Kompetenzprofile. Das wird vor allem die kleinen, aber auch mittelgroßen Unternehmen in der insgesamt kleinteiligen Wohnungswirtschaft fordern. Denn sie müssen sich den gleichen Herausforderungen stellen wie die großen Unternehmen. Laut HR Monitor gibt es hier auch ein deutlich gestiegenes Problembewusstsein: 94 Prozent aller befragten Unternehmen geben an, dass sie spezielle Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für ihre Fach- und Führungskräfte zu den Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit benötigen. Allerdings zeigt sich auch, dass die bereitgestellten Budgets zwar gewachsen, aber niedriger als in vergleichbaren Branchen sind. Hier müssen die Unternehmen nachbessern.
Neben der intensiven Qualifizierung der eigenen Kompetenzträger müssen neue strategische Ansätze der Personalgewinnung verfolgt werden. Branchen wie der Maschinenbau oder der Handel setzen bei der Nachwuchsgewinnung schon in Schulen an. Auch hier ist die Immobilienwirtschaft gefragt.

EBZ – Brancheninstitution bietet Lösungsansätze
Das EBZ setzt hier bereits den Hebel an. Die EBZ Business School (FH) etwa öffnet beim „SchülerStudium“ ausgewählte Lehrveranstaltungen für Schüler der 11. bis 13. Klasse. Sie können Erfahrungen und „Scheine“ sammeln und in die Branche hineinschnuppern. Zudem führte das EBZ vom 25. bis zum 28. Juli 2022 das erste „KlimaCamp der Wohnungswirtschaft“ in Bochum durch. 100 junge Menschen diskutierten mit Experten der Branche über das Spannungsverhältnis von Klimaschutz und bezahlbarem Wohnen. Die Branche erhielt auch Gelegenheit, sich als Hauptakteur der Klimawende zu präsentieren und junge, engagierte Menschen für die großen Aufgaben zu gewinnen. Das Projekt wurde über Ferienstipendien der Wohnungsunternehmen finanziert.

Zusätzlich sind neue Bildungsangebote geschaffen worden, um die Mitarbeiter der Unternehmen mit den neuen Kompetenzen auszustatten. Die EBZ Akademie hat das Zertifikatsprogramm Klima-/Energie- und Nachhaltigkeitsmanagement geschaffen. Der erste Durchgang dieses Angebots begann im April 2022 und war rasch ausgebucht – eine Fortsetzung folgt. Die EBZ Business School bildet neuerdings gezielt immobilienbezogene Wirtschaftsingenieure aus: Hierfür wurde der B.Sc. Nachhaltiges Energie- und Immobilienmanagement in Zusammenarbeit mit Experten aus der Branche entwickelt.

Die Branche steckt in einem tiefgreifenden Transformationsprozess mit hoher Veränderungsgeschwindigkeit und stetiger Zunahme von Komplexität. Der Fachkräftemangel bedeutet, dass wir mit immer weniger Menschen immer mehr erreichen müssen. Die hier skizzierten Lösungsansätze werden nicht annähernd ausreichen. Aber auf ihnen kann man aufbauen. Denn die Klimawende darf nicht am Fachkräftemangel scheitern.

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