Bochum baut mit Balance

Düsseldorf, 31.03.2026. Bochum hat sich mit dem Handlungskonzept Wohnen ehrgeizige Ziele gesetzt: 800 neue Wohneinheiten pro Jahr sollen entstehen – die Hälfte davon durch Nachverdichtung. Eine Politik, die auf Nachhaltigkeit, soziale Ausgewogenheit und enge Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft setzt. Im Gespräch mit BFW-Geschäftsführerin Elisabeth Gendziorra erklären Oberbürgermeister Jörg Lukat und Stadtbaurat Dr. Markus Bradtke, wie Bochum Wachstum, Klimaschutz und Bezahlbarkeit in Einklang bringt.
BFW-Landesgeschäftsführerin Elisabeth Gendziorra Herr Oberbürgermeister, Herr Dr. Bradtke, Bochum fällt mit seiner Wohnungsbaupolitik vor allem durch Kontinuität auf. Was steckt dahinter?
Oberbürgermeister Jörg Lukat Wohnen wurde bereits in den letzten Jahren als Teil der Stadtentwicklung begriffen. Es geht darum, nicht nur Flächen zu bebauen, sondern Lebensräume zu schaffen. 800 neue Wohnungen jährlich sind unser Ziel, und das gelingt uns seit mehreren Jahren. Etwa die Hälfte entsteht dabei im Bestand durch Aufstockung oder Lückenschluss. Das schont Flächen und stärkt vorhandene Quartiere.
Herr Dr. Bradtke, inwieweit können Sie dem Ruf nach Bau-Turbo und Vereinfachung von Verfahren gerecht werden?
Stadtbaurat Dr. Markus Bradtke Ich sag‘ mal so: Es ist nicht schlimm, wenn es schnell geht. Der sogenannte Bauturbo, über den der Rat (am 19. März, nach Redaktionsschluss, Anmerkung der Redaktion) entscheiden wird, zielt genau darauf ab. Für kleinere Flächen bis zu einem Hektar sollen Entscheidungen künftig direkt in der Verwaltung getroffen werden können. Das spart Zeit, reduziert Gutachterkosten und kann Projekte um Monate beschleunigen. Gerade in einem engen Markt kann das entscheidend sein.
Das sind gute Aussichten für Projektentwickler und Bauträger. Bochum arbeitet eng mit der Immobilienwirtschaft zusammen. Wie erleben Sie diese Partnerschaft?
Bradtke Sehr positiv. Die „Allianz für Wohnen“ ist ein Zusammenschluss, der funktioniert – Verwaltung, Bauträger und mittelständische Projektentwickler ziehen an einem Strang. Wir haben in den letzten Jahren gemeinsam an Detailfragen gearbeitet, etwa an der Stellplatzsatzung. Die Praktiker sind unmittelbar eingebunden, so entstehen Initiativen aus der Mitte der Beteiligten und nicht nur aus Sicht der Verwaltung. Nicht jeder Fahrradstellplatz muss überdacht sein, aber ganz ohne Stellplätze geht es auch nicht. Diese Abwägungen treffen wir pragmatisch. Ich verstehe, dass gerade die Stellplatzthematik Einsparungspotenzial hat, aber es macht nun mal keinen Sinn, die Situation in einem Wohnquartier mit 50 neuen Wohneinheiten dadurch zu verschärfen, dass ich keine neuen Stellplätze vorsehe. Das geht an der Realität vorbei. Es darf ruhig gesagt werden, dass wir gerade mit den BFW-Mitgliedern in Bochum sehr positive Erfahrungen machen. Wir sind nicht immer einig, schaffen aber immer wieder konstruktive und praktikable Lösungen.
Lukat Für mich zählt Verlässlichkeit in der Partnerschaft. Wir wollen keine spekulativen Projekte, sondern Investoren, die tatsächlich bauen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Wer in Bochum auf städtischen Grundstücken baut, verpflichtet sich zu sozialem Wohnungsbau – derzeit 40 Prozent, perspektivisch 50 Prozent geförderter Anteil. Bezahlbare Mieten in einer Größenordnung von 12 bis 14 Euro pro Quadratmeter stehen dabei an oberster Stelle.
Wie hat sich der geförderte Wohnungsbau in Bochum entwickelt?
Bradtke 2015 lagen die jährlichen Investitionen noch bei rund neun Millionen Euro, heute investieren wir etwa 80 Millionen Euro pro Jahr in geförderten Wohnungsbau. Das hat sich zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt. Grundsätzlich prüfen wir Förderprogramme sehr genau. Wenn der Aufwand die Prozesse bremst, verzichten wir lieber darauf. Lieber ein solides, tragfähiges Projekt eines solventen Projektentwicklers als ein kompliziert gefördertes, das nicht in Gang kommt.
Was ist für Sie oberstes Ziel in der Quartiersentwicklung?
Lukat Unser Ansatz ist, Begegnung und Mischung zu fördern. Wir brauchen Orte, an denen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenkommen. Das reicht von gemeinschaftlichen Innenhöfen bis zu Nachbarschaftszentren. Integrative Quartiersentwicklung ist für uns kein Zusatzthema, sondern Kern städtischer Verantwortung. Das sehen Sie auch daran, dass Sie in den Quartieren nicht erkennen werden, wo öffentlich geförderter und wo frei finanzierter Wohnraum entstanden ist.
Bradtke Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Entwicklung von Wohnraum ist auch eine aktive Bodenpolitik. Wir vergeben viele Grundstücke im Erbbaurecht mit einem Erbbauzins von rund einem Prozent für den geförderten Wohnungsbau. Das hält die Finanzierungskosten niedrig und ermöglicht es, soziale Auflagen wirtschaftlich darzustellen. Erhaltungssatzungen oder Milieuschutzverordnungen nutzen wir derzeit und absehbar nicht. Sie verhindern oft Investitionen im Bestand, ohne die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Wie sieht die aktuelle Marktlage aus?
Bradtke Mit einer Leerstandsquote zwischen 2,5 und 3,5 Prozent ist der Markt angespannt, aber stabil. Wichtig ist, dass wir den Bestand aktiv steuern und Belegbindungen nachhalten. Wir setzen auf Qualität statt Quantität – das zahlt sich langfristig aus. Die genannten 800 Wohneinheiten pro Jahr bleiben weiter unser Ziel.
Lukat Ich darf sagen, dass die Stadt funktioniert – sozial, wirtschaftlich und räumlich. Die Unterschiede zwischen Nord und Süd sind geringer als in vielen Nachbarstädten. Das erkennen Sie auch daran, dass die Differenz der Mieten in Nord und Süd vergleichsweise geringer ausfällt als in anderen Ruhrgebietsstädten. Das ist ein großes Pfund für die Zukunft, denn ausgewogene Strukturen sind die beste Grundlage für sozialen Frieden.
Was wünschen Sie sich von der Wohnungswirtschaft für die kommenden Jahre?
Lukat Einen offenen Dialog und den Mut, Neues auszuprobieren – etwa beim experimentellen oder modularen Bauen. Wir werden nicht jeden Wunsch erfüllen, aber wir ermöglichen das Machbare. Bochum wird gerade im universitären Bereich immer interessanter. Das bringt Menschen nach Bochum, für die wir passenden Wohnraum anbieten müssen. Es gibt viel zu tun.